Herr S. verteidigt Nazi-Postkarten

Warnemünde_ZettelWarnemünde

Er kann gar nicht mehr arbeiten. Ständig steht die Polizei in seinem Geschäft und sucht Hakenkreuze. So liest sich der Zettel, den der 53-jährige Herr S. in sein Geschäft gehängt hat. Nervig seien diese Besuche, sagt er. „Kinderkram.“

Mehr als sein halbes Leben verkauft er schon Antiquitäten, früher in Frankfurt am Main und Umgebung, vor ein paar Jahren dann zog er nach Mecklenburg-Vorpommern. Während eines Urlaubes hatte er sich in Warnemünde verliebt. Das Meer, die Möwen, die liebevoll restaurierten Häuser.

In eines dieser Häuser zog er auch mit seinem Antiquitätengeschäft. Es sei nicht leicht gewesen, was zu finden, erzählt er. Der erste Makler habe gefragt: „Sie kommen nicht aus Warnemünde? Dann bekommen Sie ohnehin keinen Fuß in die Tür.“ Aufgelegt.

Er fasste Fuß. Bis zu 450 Kunden kämen im Sommer, zur Hochsaison, in sein Geschäft, drei kleine Zimmer plus Flur. Sie schauen sich die alten Vasen an, die Münzen, die Bilder, manche staunen über seine Lego-Figurensammlung, keine Antiquität, läuft aber trotzdem. Und hin und wieder besuchen ihn auch jene Kunden, die sich für den zweiten Weltkrieg interessieren. Ein alter Herr komme regelmäßig aus Hamburg, erzählt der Händler. Der Mann wisse, dass er im Laden Sammlerstücke finde.

Die alten Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ beispielsweise, der Zeitung der NSDAP. Oder diese Postkarte: darauf Teile des damaligen Reiches, inklusive Sudetenland, das die Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen an Deutschland abtreten musste. Darunter der Text „Wir danken unserm Führer“. Die Hakenkreuz-Symbole auf der Postkarte hat Herr S. abgedeckt, schließlich ist es in Deutschland verboten, „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ öffentlich zu verwenden. Herr S. hält sich an Gesetze.

Warnemünde

Hat er nicht trotzdem Bedenken? Mit den Überbleibseln der Nationalsozialisten Geld zu verdienen? Wenn die Karten, die Orden, die Zeitungen in falsche Hände geraten? An Rechtsradikale? Und überhaupt: Wie lebt es sich mit dem Verdacht, selbst mit Rechtsradikalen zu sympathisieren?

Herr S. antwortet leicht genervt auf solche Fragen. Er ist Geschäftsmann. Er möchte seinen Kunden etwas bieten, allen Kunden. Der eine sammelt Lego-Figuren, der andere hat einen Führer-Fetisch. Er selbst, betont Herr S. glaubwürdig, habe mit Rechtsradikalen nichts zu tun. Er lebe nun mal von Antiquitäten, und Hitler gehöre zur deutschen Geschichte.

Das schrieb er auch auf diesen Zettel, den er Ende Oktober an seine Ladentür gehängt hat. Ein paar Tage zuvor habe ihn die Polizei im Geschäft besucht, jemand habe sich beschwert über die Führer-Postkarte. Angezeigt hat ihn allerdings niemand. Auch davor habe es gegen ihn bislang nur eine Anzeige wegen Nazi-Überbleibseln gegeben, sagt die zuständige Polizei.

Die Beamten stehen also nicht ständig in seinem Laden. Herr S. übertrieb ein wenig, als er den Zettel schrieb. Vielleicht weil er so wütend war, dass ihn zum zweiten Mal jemand angeschwärzt hatte. Vielleicht weil er Geschäftsmann ist. Denn er sagt: Ganz Warnemünde spreche über seinen Zettel. „Eine bessere Werbung gibt es nicht.“

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