Paul, 33, dreht durch

Süddeutschland_SprayerladenSüddeutschland // Dank an einen Zettelgold-Leser

Wenn einem Geschäft die Kunden ausgehen, muss sich der Inhaber fragen: Falsches Angebot? Falscher Standort? Falsche Zeit? Falsche Preise? Zu viel Konkurrenz? Paul stellte sich irgendwann nur noch eine Frage: Ist die Eingangstür verschlossen?

Paul, der eigentlich anders heißt, ist 33 Jahre alt, ihm gehört ein kleines Geschäft, dort verkauft er Sprühdosen, Farbschutzanzüge, Skizzenbücher, Stifte. Wer ein Graffiti sprühen möchte, findet, was er braucht. Paul sprüht selbst, wünscht sich mehr legale Flächen für die Straßenkunst, er findet, auf Kirchen und Denkmälern hätten die Bilder, die Tags, Throw-Ups und Bombings nichts verloren.

Vor etwa zwei Jahren zog Paul mit seinem Geschäft in ein Bürogebäude ins Untergeschoss. Die Tür zum Haus steht ein Spalt offen – sofern der kleine Keil richtig liegt und so verhindert, dass sie zufällt. In dem Gebäude, sagt Paul, gebe es nur seinen Einzelhandel, ansonsten viele Büros. Die Menschen gehen zur Arbeit, schließen den Eingang auf, verlassen das Büro wieder, die Tür fällt ins Schloss, der Letzte löscht das Licht. Und Pauls Kunden stehen draußen vor der Tür.

Etwa einmal pro Woche sei das früher schon passiert, schätzt Paul. Er und seine Mitarbeiter bemerken es oft erst dann, wenn sie zur Raucherpause die Treppe nach oben gehen. Oder wenn die Kunden ausbleiben. An manchen Tagen, schätzt Paul, mache er dadurch schon mal 1000 Euro weniger Umsatz. Er glaubt nicht an böse Absicht seiner Nachbarn, er glaubt, dass hier jemand nicht mitdenkt. Dass seine Nachbarn einfach den Keil vergessen.

Paul spricht ruhig und freundlich, er sagt, er habe eigentlich ein gutes Verhältnis zu seinen Hausmitbewohnern. Er und sein Team würden immer gern helfen, sie nähmen die Pakete an, schenkten Kaffee aus. Immer wieder habe er seine Nachbarn auf die verschlossene Tür angesprochen, sagt er. „Immer wollte es keiner gewesen sein.“

Das ließ ihn mehr und mehr verzweifeln. Deswegen hat er vor mehr als einem Jahr diesen Zettel an die Eingangstür gehängt. Er schreit darin seine Nachbarn förmlich an: „Wenn ich einen von euch Vollspaßten jemals dabei erwische, wenn er während unserer Öffnungszeiten noch mal das Licht im Treppenhaus ausmacht oder die Eingangstür schließt, so dass meine Kunden nicht mehr zu uns rein kommen, den prügle ich höchstpersönlich durch die geschlossene Tür und verklage ihn danach noch wegen Verdienstausfall!!! Schönen Gruß.“

Paul weiß, wie der Zettel rüberkommt. Heute sagt er entschuldigend: „Nach so langer Zeit kommt eben irgendwann ein böser Schrieb heraus.“ Der Zettel hängt immer noch. Seitdem sei die Tür nicht mehr ganz so oft verschlossen, sagt Paul.

Gut fürs Geschäft, schlecht für den Nachbarschaftsfrieden: „Eventuell“, mutmaßt ein Büromitarbeiter, „hatte der Paul auch schon mal Kontakt mit einer Hochspannungsleitung beim Sprayen auf dem Bahnhofsgelände.“

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