Jan, 15, findet seine Sprache wieder

Zettelgold / SprachcomputerBerlin

Vier Zettel, mehr hatte er gar nicht aufgehängt, um Jans Sprache wiederzufinden. Einen im Berliner Bahnhof Wuhletal, einen in Biesdorf, einen in Friedrichsfelde Ost und einen in Lichtenberg. Danach trug er tagelang ein Headset, um leichter mit all den Anrufern sprechen zu können, die auf den Aushang reagierten.

Der 26-jährige Sebastian studiert Rehabilitationspädagogik in Berlin, er schreibt gerade seine Abschlussarbeit und betreut zweimal die Woche für sechs Stunden Jan. Der ist 15 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Jan redet viel, allerdings verstehen selbst seine Eltern nur „Ja“ und „Nein“. Deswegen trägt Jan stets einen Sprachcomputer bei sich, eine Art Tablet-PC mit vielen Symbolen: ein Gesicht plus Finger zum Beispiel oder ein Fußball. Drückt er die Knöpfe, sagt eine Frauenstimme: „Ich möchte Fußball spielen.“ Fast 5000 Euro hat der Computer gekostet.

Als die beiden Anfang Juni in Wuhletal aus der Bahn stiegen, hatte Jan den Computer noch in der Hand, erinnert sich Sebastian. Dann war er weg. „Wo ist dein Talker“, fragte Sebastian. Jan blieb stumm. Sebastian weiß nicht, ob Jan in der Situation traurig war oder wütend, ob er überhaupt versteht, was der Computer für ihn bedeutet. Sebastian weiß nur, dass Jan viel ausgeglichener ist, wenn er nicht nur redet, sondern auch verstanden wird.

Sebastian schrieb einen Zettel: „Achtung! Achtung! Achtung! Ich bin Jan, habe das Down-Syndrom und kann nur über einen Sprachcomputer sprechen. Dienstag 17.40 Uhr habe ich ihn in der U5 verloren. Wer hat ihn gefunden? Bitte seid ehrlich & meldet euch bei meinem Betreuer.“ Ein geklautes Fahrrad, das suchen viele via Aushang, und nehmen so lang die Bahn oder ihr Zweitrad. Jan hat keine Zweitsprache.

Was dann passierte, nein, damit hatte Sebastian nicht gerechnet. Heißt es doch so oft, heutzutage kreise jeder nur um sich selbst, interessiere sich nicht einmal für den Menschen in der Nachbarswohnung. Hauptsache, mir geht es gut.

Ein paar Tage, nachdem Jan und Sebastian die vier Zettel ausgehängt hatten, rief jemand an und fragte, ob er den Aushang im Internet veröffentlichen dürfte. Hunderte reichten danach den Zettel durch’s Netz, Tausende haben ihn gesehen: „Teilen wäre wirklich angebracht, Freunde“, schrieben sie.

Sebastian bekam Anrufe und Nachrichten aus Frankfurt, Stuttgart, München, Hamburg. Können wir helfen? Geld spenden? An die 100 Nachrichten müssen es insgesamt gewesen sein, schätzt er. Der Anruf einer Frau führte zum Ziel: Sie hatte einen Computer gefunden und danach den Zettel im Internet gesehen. Das Tablet könne er im Fundbüro abholen, sagte sie. Sprachlos sei er gewesen, sagt Sebastian, superglücklich, unendlich dankbar.

Sebastian weiß nicht, ob Jan so etwas auch fühlt. Er sieht nur, dass Jan den Sprachcomputer nicht mehr aus der Hand gibt.

Video: Wie funktioniert ein Sprachcomputer?

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2 Gedanken zu „Jan, 15, findet seine Sprache wieder

  1. Dominik sagt:

    Vielleicht hätte auch einfach gleich im BVG-Fundbüro anrufen zum Ziel geführt 😉

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  2. nunuloves sagt:

    Schöne Geschichte!

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