Thomas, 35, verliert einen Gedanken

FLN-106

Frankfurt // Dank an Thomas Dreiling

Zettelgold: Herr Dreiling, Sie haben per Zettelaushang einen verlorenen Gedanken gesucht. Warum?

Dreiling: Weil ich tatsächlich einen verloren hatte. Ich war im Urlaub in der Bretagne, hatte eine Idee zu einem Projekt, und die wollte mir später einfach nicht mehr einfallen. Das hat mich total gewurmt. Da habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn ich einen Zettel aufhänge, auf dem „Gedanken verloren“ steht – so wie die bekannten „Schlüssel verloren“ oder „Hund entlaufen“-Aushänge.

Zettelgold: Und?

Dreiling: Die erste Rückmeldung kam innerhalb von 24 Stunden. Insgesamt haben mir fast 50 Menschen ihre Gedanken geschickt, dabei hatte ich höchstens mit einer Handvoll gerechnet. Alle waren positiv, das hat mich überrascht. Niemand hat geschimpft, dass ich Gedanken klauen oder jemanden auf den Arm nehmen will. Einen Monat später habe ich meine erste und einzige Spam-Nachricht bekommen, die habe ich – wie die meisten anderen Antworten auch – ganz pflichtbewusst in meinem Tumblr veröffentlicht.

Zettelgold: Haben Sie einen Lieblingsgedanken?

Dreiling: Eine Antwort hat mir gezeigt, dass das Projekt sich gelohnt hat. Diejenige schrieb: „Danke für dieses Lächeln, das bis heute anhält, wann immer der kleine Abschnitt in meine Hände fällt.“ Ansonsten haben mir viele gefallen, einer wollte einen Finderlohn, einer fragte: „Wenn man spontan keinen tiefgründigen Gedanken hat – ist man dann oberflächlich?“ Ich hatte bei dem Projekt ja auch keine tiefgründigen Gedanken.

Zettelgold: Trotzdem haben Sie einige sehr philosophische Antworten bekommen.

Dreiling: Ja, einige dachten wohl, dass es ein philosophisch tiefschürfendes Projekt sein soll. Sie wollten oft einen Gedankenaustausch fortführen – auch in der Offline-Welt.

Zettelgold: Ist es dazu gekommen?

Dreiling: Nein, ich habe niemanden getroffen, und auch inhaltlich geantwortet habe ich nie.

Zettelgold: Haben Sie deswegen kein schlechtes Gewissen? Eine Person klang sehr verzweifelt, sie schrieb: „Ich würde gerne in der Nacht spazieren gehen. Mit jemandem, der die Stille sowie mein unerträgliches Schweigen nicht nur akzeptiert…“

Dreiling: „…sondern dem auch standhalten kann.“ Ich hatte das Gefühl, da ist jemand froh, seine Gedanken irgendwo abladen zu können. Aber ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Ich hätte gar nicht geschafft, allen ausführlich zu antworten.

Zettelgold: Haben Sie denn Ihren Gedanken inzwischen wiedergefunden?

Dreiling: Nein, leider nicht. Aber dafür sind mir ein paar ganz neue Ideen gekommen.

 

Thomas Dreiling, 35, Vater von zwei Kinder, arbeitet in einer Frankfurter PR-Agentur,  in der er hauptsächlich „in digital“ macht. Regelmäßig denkt er sich spannende Projekte aus, die er fast genauso regelmäßig nicht umsetzt. Das „Gedanken-verloren-Projekt“ markiert den Start in eine rosige Projektzukunft.

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