Bruder Johannes, 62, versperrt seine Kirche

Zettelgold_108Schottenkirche in Wien // Dank an Bianca Hauda

Es ist ihm nicht leicht gefallen, das zu verraten, wofür er lebt. Und sei es nur für ein paar Wochen im Sommer. Schließlich will er alle empfangen, die Armen und Reichen, die Gesunden und Verwirrten, die Gepflegten und Schmutzigen. So steht es ja auch in der Bibel: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend und ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ Aber auch wer auf Gottes Wort hört, der weiß manchmal nicht weiter.

Deswegen haben Abt Johannes Jung, 62, und seine Mitbrüder ihre Kirche zu gesperrt und an die Tür einen Zettel geklebt, der das Warum erklärt.

Johannes Jung ist Vorsteher des Schottenstifts, eine Benediktinerabtei in Wien, erster Bezirk, historischer Kern der Hauptstadt, viel Altbau, Hufgeklapper und gnädige Frau. Gemeinsam mit seinen Mitbrüdern betet er täglich in der Schottenkirche, morgens um 6 Uhr treffen sie sich schon zur Meditation. Rund 860 Jahre ist ihre „Basilika Unserer Lieben Frau zu den Schotten“ schon alt, überall Gold, Engel, Stuck, Marmor und Nischen, viele Nischen. Genug davon, um sich vor den Betenden zu verbergen.

Deswegen sahen die Mönche nicht, wer in ihre Kirche urinierte. Nur die Pfütze entdeckten sie irgendwann. Ein Missgeschick, hofften sie und putzen es weg. Dann passierte es wieder. Sie verstärkten ihren Wachdienst. Und wieder. Irgendwann sahen sie tatsächlich den Mann, der ihrer Kirche das antat.

Keine 50 Jahre ist er alt, schätzt Jung, sieht aber aus wie 70.

Manchmal öffnet er schon morgens in der Nähe der Kirche ein Bier, die Wunden an seinen Beinen verheilen nicht mehr, das Gehen fällt ihm schwer, er scheint nicht mehr richtig wahrzunehmen, was um ihn herum passiert. Ein Mann im Elend und ohne Obdach.

Die Mönche versuchten, mit ihm zu sprechen, um zu verstehen, warum er das tat. Er wollte nicht. Wenn sie ihn rausschickten, fand er eine neue Tür. Wenn er sprach, sagte er in gebrochenem Deutsch manchmal Sätze wie: „Die Kirche ist böse.“ Da wusste die Kirche nicht weiter.

Die Mönche beteten. Sie riefen bei der Polizei an. Und bei der Caritas. Doch die kann nur dem helfen, der Hilfe auch annimmt. Dann kam der Sommer, und viele Mönche fuhren in den Urlaub. Wer sollte jetzt die Kirche reinhalten?

Johannes Jung entschied sich für eine „reine Notlösung“, wie er sagt. Er schloss die Tür und erklärte auf einem Zettel:

Da ein netter Mitbürger unsere Kirche leider zu seiner privaten Bedürfnisanstalt erwählt hat, von seinen Besuchen hier also keine geistliche Erbauung, sondern schnöde leibliche Erleichterung erwartet, sehen wir uns gezwungen, die Schottenkirche geschlossen zu halten.

Bis auf weiteres ist diese Kirche also nur zu den Messfeiern geöffnet (was nicht bedeutet, dass besagter Herr seinen Verdauungszyklus darauf abstimmen sollte). Dies bedauern die Mönchsgemeinschaft und Ihr Abt Johannes.

Die Mönchsgemeinschaft empfängt in ihrer Kirche schon seit September wieder ganztägig die Armen und Reichen, die Touristen und die Wiener, die Jungen und die Alten. Nischen hätten sie seitdem Sommer nicht mehr wischen müssen, sagt Johannes Jung.

Der Obdachlose, sagt er, habe ihm immer nur leidgetan. Groll habe er nie auf ihn gespürt, höchstens auf die Gesellschaft: Warum gibt es so ein Elend? Warum kann jemand so tief fallen, obwohl so viele Hände nach ihm greifen? Die Mönche, die Caritas, die Sozialarbeiter der Stadt.

Einer von ihnen hat inzwischen immerhin einen Zipfel zufassen bekommen: Dem Mann gehe es inzwischen etwas besser, sagt Jung. Hoffentlich länger als bis zum nächsten Bier.

Getaggt mit , , , , ,

Ein Gedanke zu „Bruder Johannes, 62, versperrt seine Kirche

  1. Frau Maja sagt:

    Hat dies auf Querbeet rebloggt und kommentierte:
    es ist nicht zu fassen

    Gefällt mir

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