Archiv der Kategorie: Ein Zettel und seine Geschichte

Torben, 27, sucht Sex statt Liebe

Jena, Jan-Henrik W.

Jena // Dank für das Bild an Jan-Henrik Wiebe

Er kannte es nicht mehr, allein ins Bett zu gehen. Meist schlief Freundin Eins neben ihm oder Freundin zwei. Nun war es so, dass Freundin Eins bei ihrem Zweitfreund in Leipzig weilte und Freundin Zwei in Berlin. Was also tun?

Torben, der eigentlich anders heißt, schrieb einen Zettel. Klar, im Netz hätte er auch eine Frau finden können, die nur Sex will, nicht mehr. Portale gibt es genug. Nur fühlt er sich dort wie auf Partys in den Morgenstunden: Ein paar bleiben immer übrig.

Früher einmal, erzählt Torben, liebte er nur eine Freundin. Irgendwann gestand sie ihm, dass sie Lust hat auf eine Frau. Warum also kein Dreier? Nur fanden sie keine, die mitmacht. Er fragte seine Freundin: „Würdest du allein mit einer anderen Frau schlafen?“ Ja, sagte sie. „Auch mit einem anderen Typen?“ Ja, sagte sie. „Und du?“ Torben nickte und spürte, dieser Moment würde sein Leben ändern.

Seit rund sechs Jahren lebt Torben mit dieser Freundin in einer polyamourösen Partnerschaft. Das Amourös ist ihm wichtig, es geht um Liebe, weniger um Sex. Er hat eine primäre und eine sekundäre Beziehung, so nennt er das. Ein Partner erfordert schon Organisation, das Leben mit zwei Partnern klingt fast bürokratisch. Vielleicht hilft das, die Eifersucht zu zügeln. Torben sagt, er kenne keinen, der so eifersüchtig sei wie er.

Torben sagt, er brauche eine Art Hierarchie: Die primäre Beziehung bezeichnet er als Sockel, von dem aus er zu Exkursionen aufbricht – manchmal auch nur zu Sex. Mit seiner Erstfreundin redet er über Kinder, er bespricht Wohnortwechsel und Jahresurlaube. „Die Zweitfreundin hat weniger Interventionsrechte“, sagt er, „trotzdem erlebe ich auch mit ihr heftigste Gefühle.“

Torben beschäftigt sich viel mit Polyamory, hat schon wissenschaftliche Arbeiten dazu geschrieben, dementsprechend ruhig und reflektiert spricht er. Er glaubt, dass viele Menschen so fühlen wie er, sich aber nur wenige trauen, das auszuleben. Was sollen denn die Leute sagen?

Dabei gab es die Vielliebelei schon immer, nur hieß sie immer anders: offene Beziehung, Harem, freie Liebe. Rainer Langhans liebte viele, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir erlaubten sich „Zufallslieben“, Tom Tykwer drehte einen Film, „Drei“ heißt er.

Bevor Torben den Zettel in Jena verteilte, schickte er ihn zum Gegenlesen an Freundin Eins und Zwei. Alles gut, fanden sie. Jena kennt sich, deswegen sollte ihn keiner sehen, zu viel Getratsche, er will sich auch nicht immer verteidigen müssen. Also schlich Torben sich Anfang des Jahres nachts aus der WG, in der Hand der Zettel:

„Hallo! Ich bin Torben, 27, studiere hier in Jena sozialwissenschaftliche Fächer und bin momentan ziemlich gestresst. Und da dachte ich mir so manchen Abend, wie schön es doch wäre, wenn ich mit einer angenehmen, weiblichen Person nach der Bibliothek noch einen Spaziergang machen könnte…

Ach verdammt. Jetzt mal ganz ehrlich. Mir fehlt körperliche Nähe und ja – in erster Linie Sex. Ich habe aber momentan überhaupt keine Lust und auch gar nicht die Zeit, abends noch durch irgendwelche blöden Clubs zu tingeln und wähle deshalb einen – zugegeben – absolut pragmatischen Weg (unter anderem weil ich nicht weiß, was daran falsch sein soll).

Klartext: Wenn Du weiblich bist, sagen würdest, dass du gern Sex hast und genauso wie ich der Meinung bist, dass es eigentlich auch mal ganz spannend sein kann, bei diesem Thema einfach mal sehr direkt zu sein und man sich für ein aktives Liebesleben nicht zu schämen braucht, würde ich dich gern kennenlernen. Bei einem Tee. Um zu sehen, ob man sich mindestens sympathisch ist. Und der Rest wird sich zeigen, gleichberechtigt und entspannt. Mit Respekt und Feingefühl. Und wenn dann einer von uns feststellt, dass wir das vielleicht doch besser lassen sollten: so what?!?!

Ich freue mich auf deine Mail an: wo-ist-das-problem@web.de und wünsche dir noch einen wunderbaren Tag.“

25 Zettel verklebte er in der Stadt, lang hingen sie nicht. Vielen gefällt nicht, was Torben sucht. Notgeil nennen sie Menschen wie ihn. Mindestens klein, dick und hässlich.

Als Soziologe betrachtet Torben den Zettel auch als großes Experiment. Er sagt, er würde gern einen Diskurs anstoßen: Warum dürfen Männer mit vielen Frauen Sex haben, Frauen aber nicht mit vielen Männern? Wie wollen wir überhaupt lieben?

Manch eine Frau empfahl ihm nach Lesen des Zettels eine Prostituierte, sagte, er sei beziehungsunfähig, stehe prototypisch für eine erkaltete Gesellschaft. Andere gratulierten ihm: Witzig, ehrlich, mutig, schrieben sie. Endlich mal einer, der ausspricht, was viele wollen. Spaß ohne Liebe, Hochzeit, Doppelhaushälfte und Kiesauffahrt.

Er habe Dank des Zettels viel Spaß gehabt, sagt Torben. Nicht nur einmal. Frauen seien eben nicht nur keusch, brav und treu. Mehr sagt er nicht. So hatte er es ja auch auf dem Zettel versprochen: „mit Respekt und Feingefühl“.

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„Nicht zuständig“

Telekom ITelekom-Zentrale // Dank an einen Zettelgold-Leser

Große Unternehmen wollen Großes leisten, den Umsatz steigern, Kunden gewinnen, neue Geschäftsfelder erobern. Dafür sitzen Manager mit Maßanzügen in Konferenzräumen mit Panoramablick, sprechen über ihre Visionen, entwickeln Strategien und vergessen ihre Mitarbeiter. Jene Kollegen, die schon vor Dienstantritt die Minuten bis zum Feierabend rückwärts zählen. Jene, die wollen, dass alles bleibt wie es ist, wenigstens bis zur Rente. Solche gibt es überall, auch bei der Telekom, wie ein Zettel zeigt.

Bei der Telekom arbeiten weltweit 229.000 Mitarbeiter, davon 67.000 in Deutschland. In der Zentrale musste jeder Kollege schon einmal in einem Büro im Erdgeschoss antreten: der Schlüsselverwaltung. Da müsse man irgendwie durch, sagen Mitarbeiter über diesen Termin. Früher einmal erhielten sie hier auch ihre Hausausweise, doch dafür sind jetzt andere zuständig.

Die Schlüsselverwalter sind, so erzählt man es sich im Haus, sehr korrekte Menschen. Gut möglich, dass sie an Wochenenden den Rasen ihres Schrebergartens frisieren, vielleicht auch ihren Dackel. Die Herren der Schlüssel mögen es offensichtlich nicht, wenn jemand Wünsche hat, die sie nicht erfüllen wollen, äh, können. Denn an der Tür hängt der Zettel: „Wir machen nur Schlüssel. Für alle anderen Belange sind wir leider nicht zuständig.“

Der neue Telekom-Chef sinniert derzeit über seine Visionen, er will das Unternehmen modernisieren, die IT-Sparte umbauen. Mehr Cloud Computing, weniger Telefonzelle. Bislang ist nichts darüber bekannt, dass er Schlüssel gegen Chipkarten tauschen möchte. Ist vermutlich besser so.

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Ein Student bittet um Ruhe

Eichstätt

Uni Eichstätt // Danke für das Bild an Sebastian Driemer

Klack, klack, klack machen die Pumps. Und. Zerhacken. So. Ständig. Die. Gedanken. Wer geht da durch die Gänge? Streift von Regal zu Regal? Zieht irgendwann ein Buch aus der langen Reihe, leise schnurrend, wenn Stoffeinband über Stoffeinband reibt? Das Mädel aus der Mensa?

Eigentlich sollten Studenten in der Bibliothek lernen oder Literatur für das nächste Referat recherchieren. Aber eine Bib, Bibo, Bibliothek ist viel mehr als ein Wissensberg: Hier können Bibster-Hipster ihre neuesten Trophäen präsentieren, die Röhrenjeans, die Jutetasche, den Schnäuzer. Hier können Faule so tun, als würden sie lernen. Hier können Singles ihren Schwarm anflirten, unbeobachtet zwischen den Metallregalen. Pumps können natürlich helfen, das anzubahnen: Sie machen aufmerksam.

Nur gefällt das nicht jedem: In der Journalistik-Bibliothek der Universität Eichstätt hängt seit einigen Wochen ein Zettel an der Säule: „Bitte leise stöckeln!“ Gernot Lorenz, der stellvertretende Leiter der Teilbibliothek, weiß nicht, wer ihn angeklebt hat. Eigentlich, sagt er, würden sie solche Zettel entfernen, dieser aber dürfe bleiben, er schildere einfach zu treffend das Problem. Schließlich würden sie die Anliegen der Nutzer ernst nehmen, und die Bib sei nun mal ein wichtiger Lebensmittelpunkt, in dem Studenten einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Außerdem vermutet Lorenz: „Gegenseitige soziale Kontrolle der Nutzer ist wirkungsvoller als obrigkeitliche Bestimmungen durch die Bibliotheksleitung.“

Recht hat er: Einige Damen tippeln nur noch auf Zehenspitzen durch die Gänge. Hauptsache sie steigen jetzt, im Sommer, nicht auf Latschen um. Die. Flip. Nerven. Flop. Mindestens. Flip. Genauso. Flop.

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Ricarda, 28, sucht den Vater ihrer Welpen

Vater gesuchtHamburg // Schanzenpark // Dank an Yvonne Dewerne

2000 Jahre Kirchengeschichte in vier Monaten. Ricarda hatte einen Lernplan, sie war motiviert, sie hatte ein Ziel: ein gutes Examen, dann irgendwann vielleicht Pastorin. Es kam anders. Mit 28 Jahren wurde die Theologie-Studentin aus Hamburg neunfache Mutter, fünfmal schwarz, viermal blond. Schuld ist ein Freund, der inzwischen keiner mehr ist.

Ricarda hat eine Hündin, den drei Jahre alten Settermischling Zola. An einem Dienstagabend im Januar spazierten die beiden durch den Hamburger Jenischpark. Zola sollte sich austoben, doch sie rannte nicht, sie watschelte. Um die Taille hatte sie zugelegt. Sollte sie etwa? Wann war sie zuletzt läufig?

Das war im Dezember. Zu der Zeit hatte ein Freund auf die Hündin aufgepasst, wie schon häufiger. Er habe gewusst, sagt Ricarda, dass Zola an der Leine bleiben muss. Eine läufige Hündin macht Rüden schließlich wuschig. Da gibt’s kein Halten mehr.

War da was im Dezember?, fragte Ricarda. Ach, stimmt, einmal habe sich Zola von der Leine gerissen, behauptete der Freund, um mit einem Rottweiler im Gebüsch zu verschwinden. Zwei Minuten, höchstens.

Ricarda vereinbarte einen Ultraschalltermin.

Sie informierte ihre neue WG-Mitbewohnerin.

Sie verschob ihr Examen.

Sie stritt mit ihren Eltern. Denn plötzlich, 23 Jahre nach der Scheidung, waren sie wieder einer Meinung: Die Welpen müssen weg. Das Studium für Hundepflege unterbrechen? Verantwortungslos. Neun Mischlingsköter verkaufen? Unmöglich. Ricardas Vater züchtete früher selbst Hunde. Auf dem Land, sagt sie, würde man „schon mal mit der Schüppe draufhauen“. Ricarda startete stattdessen lieber das Blog Hundekinderreeperbahn, so gehört sich das für eine werdende Großstadtmutti.

Und sie schrieb einen Zettel, den sie in Hamburg und auf Facebook verteilte: „Vater gesucht! Meine zum Zeitpunkt läufige Hündin hat sich am 2.12. mittags im Schanzenpark bei ihrem Gassifreund von der Leine gerissen und ist mit einem mittelgroßen, kurzhaarigen, schwarzlohfarbenen Rüden im Gebüsch verschwunden. Laut Tatbericht nur für zwei Minuten – laut Ultraschall könnten es ein paar Minuten mehr gewesen sein… Wir erwarten Nachwuchs! […] Wer hat was gesehen? Hinweise, die zur Ergreifung des Vaters führen, werden mit einem glücklichen Hundelächeln und einer Tafel Schokolade belohnt!“

Nach zwei Stunden meldete sich eine Hundesitterin: Zola habe sich nicht von der Leine gerissen, sagte sie, sondern sei gar nicht angeleint gewesen. Aus dem Rottweiler wurde ein Labrador, aus den zwei Minuten eine halbe Stunde, aus dem Freund ein Ex-Freund.

Abends telefonierte Ricarda mit der Labrador-Besitzerin, ein paar Tage später sahen sich werdende Mutter und werdender Vater wieder. Ricarda vermählte die beiden im Schanzenpark, nach dem Ja-Wort gab’s ein Leckerli.

Ende Januar brachte Zola ihre Kinder zur Welt. „Wir sind jetzt 9-fache Mütter“, schrieb Ricarda in ihrem Blog. „Zola und ich leben nunmehr zusammen wie eins dieser öko-alternativen, gleichberechtigten Elternpaare in vollkommener Überwindung traditioneller Geschlechterrollen.“ Ricarda stand nachts auf, wenn ein Hündchen krähte, um 1.30 Uhr, um 3 Uhr, um 4 Uhr. Sie bloggte: „So langsam bekomme ich als Single-Endzwanzigerin eine Vorstellung davon, was Elternschaft mit Schlafenzug zu tun hat.“ Sie wog die Kleinen, picknickte mit ihnen an der Elbe, kaufte eine beheizbare Welpenhütte, als die Wohnung zu eng wurde und die Kleinen in einen Reitstall umzogen.

Und irgendwann kam der Abschied. Sie fand neue Besitzer, die Welpen heißen jetzt Lina, Emma und Frieda, sie besuchen Welpengruppen und leben in kindersicheren Wohnungen in Bochum, Lübeck und Göttingen. Hin und wieder bekommt Ricarda ein Foto geschickt und ist ganz stolz auf ihre großen Kleinen.

Danke für die Hundefotos an Ricarda!

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Frau Stahn, 66, verweigert sich der Sommerzeit

Berlin, Dunckerstraße, Eric E.Berlin // Dunckerstraße // Dank an Eric Engelbracht

Sie kommt jetzt in das Alter, in dem sie nicht mehr alles mitmachen will. Das Herz, der Blutdruck, der Stress. Mit 66 Jahren, sagt Renate Stahn, sei sie erwachsen, selbständig. Sie trifft jetzt ihre eigenen Entscheidungen. Deswegen hat Frau Stahn auf einem Zettel verkündet: Sie werde die Zeitumstellung am Sonntag boykottieren.

Millionen Deutsche würden gern handeln wie sie. Wem gefällt schon dieses vor, zurück, früher dunkel, später dunkel, länger schlafen, kürzer schlafen? Energie spart das nicht, es zerrt an den Kräften. Millionen Deutsche können nicht handeln wie sie. Was würde der Chef sagen? Die Lehrer?

Frau Stahn kann es sich leisten, in ihrer eigenen Zeit zu leben: Sie ist ihre eigene Chefin. Ihr gehört eine Zoohandlung in der Berliner Dunckerstraße, und sie ist in ihrem Kiez Prenzlauer Berg ein kleiner Star. Eine Urberlinerin eben, von der in dem Viertel heute nicht mehr viele leben.

Ihr Zettel hat sie berlinweit bekannt gemacht: Der „Berliner Kurier“ feierte Frau Stahn als „Sommerzeit-Rebellin“, die „Berliner Zeitung“ als „Verweigerin“. Der „Tagesspiegel“ schrieb: Frau Stahn denke, was sie fühle und sage, was sie denke: „Freie Schnauze, ein halbes Jahrhundert Kiez, na immer raus damit.“

Frau Stahn sagt, eine Stunde Zeitverlust sei eine ganze Menge, für alte Menschen, für Kinder, für Tiere. Früher einmal verkaufte sie in ihrer Zoohandlung Papageien, Hamster, Ratten, Kaninchen. Das lohne sich heute nicht mehr, sagt sie. Die Kunden kauften lieber im Internet oder in Polen oder beim Züchter. Derzeit warten noch ein Wellensittich und 20 Kanarienvögel in ihrem Laden auf ein neues Zuhause.

Schon länger habe sie gemerkt, dass ihre Vögel unter der Zeitumstellung leiden, sagt Frau Stahn. Sie dösten auf der Stange, Kopf unterm Flügel. Die brauchen einen Tierarzt, hätten die Kunden gesagt. Die brauchen Schlaf, wusste Frau Stahn.

Im vergangenen Jahr dann traute sie sich endlich und hängte diesen Zettel an die Tür: „Wieder wird die Zeit umgestellt – entgegen aller Logik und besseren Wissens. Ich halte diese Zeitumstellung für völlig falsch! Deshalb teile ich mit: Ich boykottiere diese Zeitumstellung und mache sie nicht mit. Meine Zeit bleibt die ganz normale mitteleuropäische Zeit! Bitte beachten Sie das bei meinen Öffnungszeiten. Vielen Dank!“

Der Zettel hängt immer noch, inzwischen in Übergröße ausgedruckt und eingerahmt. Den Kunden gefalle ihr Protest, sagt Frau Stahn. Keine Beschwerden, nur Respekt, Verständnis und, ja, wahrscheinlich auch ein bisschen Neid.

 

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„Die Katze ist nicht eingesperrt“

Cannes, Rue Hoche, Karin

Cannes // Rue Hoche // Dank an Karin Prummer

Ja, wo ist sie denn die Katze? Oft sitzt sie im Fenster und schaut auf die Straße. Gitter verriegeln die „Galerie 20“ in der Rue Hoche, Cannes, es sieht aus, als sei der Laden schon lang geschlossen. Und die Katze gefangen? Für alle besorgte Mitmenschen hat der Besitzer einen Zettel in die Scheibe geklebt: „Die Katze ist nicht eingesperrt.“ Vielleicht sollte er sich mal mit den Hamburgern aus dem Stellinger Weg treffen, sie würden sich sicher verstehen.

Hamburg, Stellinger WegHamburg // Stellinger Weg

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Paul, 33, dreht durch

Süddeutschland_SprayerladenSüddeutschland // Dank an einen Zettelgold-Leser

Wenn einem Geschäft die Kunden ausgehen, muss sich der Inhaber fragen: Falsches Angebot? Falscher Standort? Falsche Zeit? Falsche Preise? Zu viel Konkurrenz? Paul stellte sich irgendwann nur noch eine Frage: Ist die Eingangstür verschlossen?

Paul, der eigentlich anders heißt, ist 33 Jahre alt, ihm gehört ein kleines Geschäft, dort verkauft er Sprühdosen, Farbschutzanzüge, Skizzenbücher, Stifte. Wer ein Graffiti sprühen möchte, findet, was er braucht. Paul sprüht selbst, wünscht sich mehr legale Flächen für die Straßenkunst, er findet, auf Kirchen und Denkmälern hätten die Bilder, die Tags, Throw-Ups und Bombings nichts verloren.

Vor etwa zwei Jahren zog Paul mit seinem Geschäft in ein Bürogebäude ins Untergeschoss. Die Tür zum Haus steht ein Spalt offen – sofern der kleine Keil richtig liegt und so verhindert, dass sie zufällt. In dem Gebäude, sagt Paul, gebe es nur seinen Einzelhandel, ansonsten viele Büros. Die Menschen gehen zur Arbeit, schließen den Eingang auf, verlassen das Büro wieder, die Tür fällt ins Schloss, der Letzte löscht das Licht. Und Pauls Kunden stehen draußen vor der Tür.

Etwa einmal pro Woche sei das früher schon passiert, schätzt Paul. Er und seine Mitarbeiter bemerken es oft erst dann, wenn sie zur Raucherpause die Treppe nach oben gehen. Oder wenn die Kunden ausbleiben. An manchen Tagen, schätzt Paul, mache er dadurch schon mal 1000 Euro weniger Umsatz. Er glaubt nicht an böse Absicht seiner Nachbarn, er glaubt, dass hier jemand nicht mitdenkt. Dass seine Nachbarn einfach den Keil vergessen.

Paul spricht ruhig und freundlich, er sagt, er habe eigentlich ein gutes Verhältnis zu seinen Hausmitbewohnern. Er und sein Team würden immer gern helfen, sie nähmen die Pakete an, schenkten Kaffee aus. Immer wieder habe er seine Nachbarn auf die verschlossene Tür angesprochen, sagt er. „Immer wollte es keiner gewesen sein.“

Das ließ ihn mehr und mehr verzweifeln. Deswegen hat er vor mehr als einem Jahr diesen Zettel an die Eingangstür gehängt. Er schreit darin seine Nachbarn förmlich an: „Wenn ich einen von euch Vollspaßten jemals dabei erwische, wenn er während unserer Öffnungszeiten noch mal das Licht im Treppenhaus ausmacht oder die Eingangstür schließt, so dass meine Kunden nicht mehr zu uns rein kommen, den prügle ich höchstpersönlich durch die geschlossene Tür und verklage ihn danach noch wegen Verdienstausfall!!! Schönen Gruß.“

Paul weiß, wie der Zettel rüberkommt. Heute sagt er entschuldigend: „Nach so langer Zeit kommt eben irgendwann ein böser Schrieb heraus.“ Der Zettel hängt immer noch. Seitdem sei die Tür nicht mehr ganz so oft verschlossen, sagt Paul.

Gut fürs Geschäft, schlecht für den Nachbarschaftsfrieden: „Eventuell“, mutmaßt ein Büromitarbeiter, „hatte der Paul auch schon mal Kontakt mit einer Hochspannungsleitung beim Sprayen auf dem Bahnhofsgelände.“

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Thorsten, 46, wettert über Fahrraddiebe

Hamburg_FahrraddiebHamburg

Er bringt zum Ausdruck, was viele fühlen: Die ungeheure Wut auf Menschen, die sich einfach nehmen, was ihnen nicht gehört. Besonders kurz vor Weihnachten. Dabei lernt man doch schon im Kindergarten den Unterschied zwischen meins und deins.

Thorsten S. ist 46 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in der Schanze, einem Hamburger Szeneviertel. Er fährt gern mit dem Fahrrad durch die Stadt, ihm gefällt es, „schwups“ am Ziel zu sein, ohne im Stau zu stehen, ohne umsteigen zu müssen. „Cool“, findet er das. Er spricht ruhig, sanft, leise. Dieser Wutausbruch auf dem Zettel mag nicht recht zu ihm passen: „Welches Arschloch hat das Fahrrad geklaut“, hatte er geschrieben. Und: „Fahrräder Klauen ist scheiße und assig.“

Thorsten S. findet die Wortwahl angemessen. Er sagt: „So kann man ruhig Leute betiteln, die Fahrräder klauen.“ Am liebsten hätte er sie seitenlang beschimpft – aber wer soll das alles lesen? Also beschränkte er sich auf ein paar Zeilen, druckte sie rund 30-mal aus und verklebte sie in der Schanze. Die Diebe hatten sich das Fahrrad seiner zwölfjährigen Tochter genommen, 700 Euro hat es gekostet, ein paar Monate ist es erst alt. Eigentlich sollte das Rad sie die nächsten Jahre begleiten.

Im Schnitt werden in Hamburg am Tag 40 Räder geklaut, 13.991 Stück im vergangenen Jahr. Die Aufklärungsquote liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Thorsten S. weiß das. Er glaubt auch nicht, dass der Zettel ihm das Rad zurückbringt. Versuchen wollte er es trotzdem.

Seine Tochter soll bald ein neues Fahrrad bekommen. Diesmal wird Thorsten S. es versichern.

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Ein Mann gibt auf

Berlin-KreuzbergBerlin-Kreuzberg

Eigentlich möchte Matthias Berger* gar nicht darüber reden. Er möchte nicht noch mehr Wut auf sich ziehen, möchte nicht zeigen, wie sehr ihn die beiden Anschläge verletzt haben, wie wütend er auch heute noch ist, ein Jahr nach dem ersten Übergriff. „Die freuen sich doch wie Helden, wenn sie sehen, dass sie jemandem weh getan haben“, sagt Berger.

„Die“, das sind 10 bis 15 „unbekannte Randalierer“, wie es die Berliner Polizei im Mai formulierte. Sie warfen in der Nacht Farbbeutel an einen Neubau in Berlin-Kreuzberg, und das Rot fraß sich in die Fassade. Sie rissen Poller aus dem Bürgersteig und schmissen sie in die Schaufenster. Danach zündeten sie eine Dixie-Toilette vor dem Haus an und flüchteten.

Berger gründete vor 20 Jahren eine Bauträgergesellschaft, er vermittelt heute zwischen Kunden, Architekten, Bauarbeitern. Bislang, sagt er, habe er nur in Ostdeutschland gebaut. Das Haus in Kreuzberg sei seine erste Bekanntschaft mit Westdeutschland gewesen – und die erste mit Gentrifizierungsgegnern. Er selbst ist in Pankow geboren, ehemals DDR, er berlinert stark, sagt „jetzte“ und „weeßte“.

Ein paar Stunden nach dem Anschlag, um 5.50 Uhr, landeten die ersten Fotos vom zerstörten Neubau in Bergers Posteingang. Ein Kollege, der mit ihm auf der Baustelle arbeitet, hat sie gemacht. Es war der zweite Angriff auf das Haus binnen weniger Monate. „Uns allen war schlecht“, sagt Berger. Ohnmächtig habe er sich zunächst gefühlt und dann verletzt, wütend, fassungslos, demotiviert. Das Haus, an dem neun Männer monatelang bauten, heftig beschädigt. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

„Mieter*innen stressen zurück“

Berger sieht sich auf der Seite der Guten: Er verdränge niemanden aus seinem alten Zuhause, betont er. Er baue neue Wohnungen, schaffe zusätzlichen Wohnraum. „Wir haben keine Dollarzeichen in den Augen“, sagt er. Und trotzdem: Mit seinem Neubau inklusive Echtholz-Einzelstabparkett lockt er natürlich ein bestimmtes Klientel an. Und das wird in Berlin nicht überall gern gesehen.

So haben Aktivisten vor einigen Monaten im Internet eine „Berliner Liste“ veröffentlicht, „Mieter*innen stressen zurück“ lautet das Motto. „Wer sich als Teil der antisozialen Stadtumstrukturierung hervortut, kommt auf die Liste“, heißt es auf der Webseite. Hier stehen die Adressen von Neubauten, Investoren, Wohnungsbaugesellschaften.

In dem Kreuzberger Haus sind die Wohnungen inzwischen vergeben, die ersten Geschäftsleute bereiten sich auf ihre Kunden vor. Bei einem Friseur, der sich mit dem Namen „Vorhair Nachhair“ in die lange Reihe verunglückter Haarschneider-Wortspiele einreiht, hängt ein Zettel im Fenster: „Bitte die Scheiben nicht bekleben Bitte die Scheiben nicht einschlagen / Hier eröffnet demnächst ein Laden für Sie / DANKE“. Durch die beiden Anschläge verzögert sich alles.

Der Mann und seine Mitarbeiter werden die Arbeiten in Kreuzberg beenden und sich dann aus dem Westteil der Stadt zurückziehen. „Wir machen jetzt nur noch den Osten schöner“, sagt er. Denn dort, das glaubt er gelernt zu haben, passiert so etwas nicht. Seine Kinder haben nicht so viel Verständnis. Sie sagen: „Papa, die Mauer ist schon vor einer Weile gefallen.“

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Herr S. verteidigt Nazi-Postkarten

Warnemünde_ZettelWarnemünde

Er kann gar nicht mehr arbeiten. Ständig steht die Polizei in seinem Geschäft und sucht Hakenkreuze. So liest sich der Zettel, den der 53-jährige Herr S. in sein Geschäft gehängt hat. Nervig seien diese Besuche, sagt er. „Kinderkram.“

Mehr als sein halbes Leben verkauft er schon Antiquitäten, früher in Frankfurt am Main und Umgebung, vor ein paar Jahren dann zog er nach Mecklenburg-Vorpommern. Während eines Urlaubes hatte er sich in Warnemünde verliebt. Das Meer, die Möwen, die liebevoll restaurierten Häuser.

In eines dieser Häuser zog er auch mit seinem Antiquitätengeschäft. Es sei nicht leicht gewesen, was zu finden, erzählt er. Der erste Makler habe gefragt: „Sie kommen nicht aus Warnemünde? Dann bekommen Sie ohnehin keinen Fuß in die Tür.“ Aufgelegt.

Er fasste Fuß. Bis zu 450 Kunden kämen im Sommer, zur Hochsaison, in sein Geschäft, drei kleine Zimmer plus Flur. Sie schauen sich die alten Vasen an, die Münzen, die Bilder, manche staunen über seine Lego-Figurensammlung, keine Antiquität, läuft aber trotzdem. Und hin und wieder besuchen ihn auch jene Kunden, die sich für den zweiten Weltkrieg interessieren. Ein alter Herr komme regelmäßig aus Hamburg, erzählt der Händler. Der Mann wisse, dass er im Laden Sammlerstücke finde.

Die alten Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ beispielsweise, der Zeitung der NSDAP. Oder diese Postkarte: darauf Teile des damaligen Reiches, inklusive Sudetenland, das die Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen an Deutschland abtreten musste. Darunter der Text „Wir danken unserm Führer“. Die Hakenkreuz-Symbole auf der Postkarte hat Herr S. abgedeckt, schließlich ist es in Deutschland verboten, „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ öffentlich zu verwenden. Herr S. hält sich an Gesetze.

Warnemünde

Hat er nicht trotzdem Bedenken? Mit den Überbleibseln der Nationalsozialisten Geld zu verdienen? Wenn die Karten, die Orden, die Zeitungen in falsche Hände geraten? An Rechtsradikale? Und überhaupt: Wie lebt es sich mit dem Verdacht, selbst mit Rechtsradikalen zu sympathisieren?

Herr S. antwortet leicht genervt auf solche Fragen. Er ist Geschäftsmann. Er möchte seinen Kunden etwas bieten, allen Kunden. Der eine sammelt Lego-Figuren, der andere hat einen Führer-Fetisch. Er selbst, betont Herr S. glaubwürdig, habe mit Rechtsradikalen nichts zu tun. Er lebe nun mal von Antiquitäten, und Hitler gehöre zur deutschen Geschichte.

Das schrieb er auch auf diesen Zettel, den er Ende Oktober an seine Ladentür gehängt hat. Ein paar Tage zuvor habe ihn die Polizei im Geschäft besucht, jemand habe sich beschwert über die Führer-Postkarte. Angezeigt hat ihn allerdings niemand. Auch davor habe es gegen ihn bislang nur eine Anzeige wegen Nazi-Überbleibseln gegeben, sagt die zuständige Polizei.

Die Beamten stehen also nicht ständig in seinem Laden. Herr S. übertrieb ein wenig, als er den Zettel schrieb. Vielleicht weil er so wütend war, dass ihn zum zweiten Mal jemand angeschwärzt hatte. Vielleicht weil er Geschäftsmann ist. Denn er sagt: Ganz Warnemünde spreche über seinen Zettel. „Eine bessere Werbung gibt es nicht.“

Warnemünde_Karte

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