Archiv der Kategorie: Verdammt

Alles Neue nimmt der Mai

Zettelgold_117

Aachen // Dank an Julia E.

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Aus dem Kifferpararadies

IMG_2472-1San Francisco

„It is true“, sagt der Mann, Mitte 30, Käppi, Vollbart, braune Zähne, jeden Dollar investiere er in Marihuana. Er lächelt verlegen, zieht an seiner Selbstgedrehten und schaut auf seinen Schlafsack am Boden. Manche Fußgänger schmunzelten über sein Schild, passt es doch so gut ins Kifferland Kalifornien, andere schimpften, Polizisten nähmen es ihm manchmal weg, meist aber ließen sie ihn gewähren.

San Francisco steht für Sonne, Palmen, die Golden Gate Bridge und das Silicon Valley, für leichtes Leben und schnelles Geld. Gleichzeitig leben 7000 Obdachlose in der Stadt, in manchen Straßen kämpft alle paar Meter einer um einen Dollar. „Don’t worry it’s 4 Weed“, hilft vielleicht, um aufzufallen. Andere versuchen es mit: „You are awesome“. Oder schlichter: „No stories here, just need help“.

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Putzplan für Einbrecher

Dresden, Thomas B.Dresden // Dank an Thomas Beutlich 

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Ein Mann gibt auf

Berlin-KreuzbergBerlin-Kreuzberg

Eigentlich möchte Matthias Berger* gar nicht darüber reden. Er möchte nicht noch mehr Wut auf sich ziehen, möchte nicht zeigen, wie sehr ihn die beiden Anschläge verletzt haben, wie wütend er auch heute noch ist, ein Jahr nach dem ersten Übergriff. „Die freuen sich doch wie Helden, wenn sie sehen, dass sie jemandem weh getan haben“, sagt Berger.

„Die“, das sind 10 bis 15 „unbekannte Randalierer“, wie es die Berliner Polizei im Mai formulierte. Sie warfen in der Nacht Farbbeutel an einen Neubau in Berlin-Kreuzberg, und das Rot fraß sich in die Fassade. Sie rissen Poller aus dem Bürgersteig und schmissen sie in die Schaufenster. Danach zündeten sie eine Dixie-Toilette vor dem Haus an und flüchteten.

Berger gründete vor 20 Jahren eine Bauträgergesellschaft, er vermittelt heute zwischen Kunden, Architekten, Bauarbeitern. Bislang, sagt er, habe er nur in Ostdeutschland gebaut. Das Haus in Kreuzberg sei seine erste Bekanntschaft mit Westdeutschland gewesen – und die erste mit Gentrifizierungsgegnern. Er selbst ist in Pankow geboren, ehemals DDR, er berlinert stark, sagt „jetzte“ und „weeßte“.

Ein paar Stunden nach dem Anschlag, um 5.50 Uhr, landeten die ersten Fotos vom zerstörten Neubau in Bergers Posteingang. Ein Kollege, der mit ihm auf der Baustelle arbeitet, hat sie gemacht. Es war der zweite Angriff auf das Haus binnen weniger Monate. „Uns allen war schlecht“, sagt Berger. Ohnmächtig habe er sich zunächst gefühlt und dann verletzt, wütend, fassungslos, demotiviert. Das Haus, an dem neun Männer monatelang bauten, heftig beschädigt. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

„Mieter*innen stressen zurück“

Berger sieht sich auf der Seite der Guten: Er verdränge niemanden aus seinem alten Zuhause, betont er. Er baue neue Wohnungen, schaffe zusätzlichen Wohnraum. „Wir haben keine Dollarzeichen in den Augen“, sagt er. Und trotzdem: Mit seinem Neubau inklusive Echtholz-Einzelstabparkett lockt er natürlich ein bestimmtes Klientel an. Und das wird in Berlin nicht überall gern gesehen.

So haben Aktivisten vor einigen Monaten im Internet eine „Berliner Liste“ veröffentlicht, „Mieter*innen stressen zurück“ lautet das Motto. „Wer sich als Teil der antisozialen Stadtumstrukturierung hervortut, kommt auf die Liste“, heißt es auf der Webseite. Hier stehen die Adressen von Neubauten, Investoren, Wohnungsbaugesellschaften.

In dem Kreuzberger Haus sind die Wohnungen inzwischen vergeben, die ersten Geschäftsleute bereiten sich auf ihre Kunden vor. Bei einem Friseur, der sich mit dem Namen „Vorhair Nachhair“ in die lange Reihe verunglückter Haarschneider-Wortspiele einreiht, hängt ein Zettel im Fenster: „Bitte die Scheiben nicht bekleben Bitte die Scheiben nicht einschlagen / Hier eröffnet demnächst ein Laden für Sie / DANKE“. Durch die beiden Anschläge verzögert sich alles.

Der Mann und seine Mitarbeiter werden die Arbeiten in Kreuzberg beenden und sich dann aus dem Westteil der Stadt zurückziehen. „Wir machen jetzt nur noch den Osten schöner“, sagt er. Denn dort, das glaubt er gelernt zu haben, passiert so etwas nicht. Seine Kinder haben nicht so viel Verständnis. Sie sagen: „Papa, die Mauer ist schon vor einer Weile gefallen.“

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Deutsche Perle bietet ehrliche Arbeit

Hamburg, Überseeboulevard

Hamburg // Überseeboulevard

Zettelgold: „Warum werben Sie für sich als ‚Deutsche Perle‘?“

Frau: „Sie sind nicht an einer Reinigungskraft interessiert?“

Zettelgold: „Nein, bin ich nicht.“

Frau: „Dann möchte ich auch nichts dazu sagen.“

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Pamela verliert gegen das Internet

Hamburg, Schulterblatt

Hamburg // Schulterblatt // Dank für den Hinweis an André Vatter

„Wann müsst ihr raus“, fragt die Kundin. „In einer Woche“, sagt Pamela. „Das ist zum Kotzen“, sagt die Kundin und geht.

„Wieso macht ihr zu?“ „Es ist so schade, dass ihr schließt!“ „Das tut mir so leid!“ Solche Sätze, sagt Pamela, höre sie derzeit zig Mal am Tag. Auch von jenen, die schon seit Jahren kein Video mehr ausgeliehen haben, die sich schon längst ihre Filme im Internet besorgen, die das, was sie jetzt bedauern, selbst verursacht haben.

Seit zehn Jahren arbeitet Pamela in der Videothek im Schanzenviertel, seit fünf Jahren kommen immer weniger Kunden, Anfang des Jahres schrieb sie dann diesen Zettel: „Hallo liebe Kunden, nun ist leider Schluss. Wir haben es lange versucht, aber das Internet hat gewonnen.“ Der  Räumungsverkauf läuft, von den rund 5000 Filmen sind noch ein paar Dutzend übrig, im Regal hinter Pamela liegt noch Schokolade. Ansonsten viel Leere.

Pamela ist ein bisschen traurig, nicht verzweifelt oder verbittert. Menschen seien eben bequem, es sei nun mal praktisch alles im Internet zu bestellen. Aber es sei auch kalt und mache einsam. Die Filmauswahl im Internet sei viel schlechter, sagt Pamela, die Inspiration und die besonderen Filme gingen verloren. Und überhaupt, wer berät einen denn schon im Internet?

Sie selbst, sagt sie, habe noch keinen Film im Netz geschaut. Nur manchmal diese amerikanischen Serien, das müsse sie zugeben. Anders könne sie die nun mal nicht sehen.

Inzwischen ist der Laden geschlossen. Eine neue Arbeit hat Pamela noch nicht. Sie habe viele Bewerbungen geschrieben, sagt sie. Nur bei einer Videothek hat sie sich nicht beworben.

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