Archiv der Kategorie: Verrückt

Aussehen egal, Hauptsache 27

Zettelgold_55Max-Brauer-Allee // Hamburg // Dank an Jan Strozyk

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Torben, 27, sucht Sex statt Liebe

Jena, Jan-Henrik W.

Jena // Dank für das Bild an Jan-Henrik Wiebe

Er kannte es nicht mehr, allein ins Bett zu gehen. Meist schlief Freundin Eins neben ihm oder Freundin zwei. Nun war es so, dass Freundin Eins bei ihrem Zweitfreund in Leipzig weilte und Freundin Zwei in Berlin. Was also tun?

Torben, der eigentlich anders heißt, schrieb einen Zettel. Klar, im Netz hätte er auch eine Frau finden können, die nur Sex will, nicht mehr. Portale gibt es genug. Nur fühlt er sich dort wie auf Partys in den Morgenstunden: Ein paar bleiben immer übrig.

Früher einmal, erzählt Torben, liebte er nur eine Freundin. Irgendwann gestand sie ihm, dass sie Lust hat auf eine Frau. Warum also kein Dreier? Nur fanden sie keine, die mitmacht. Er fragte seine Freundin: „Würdest du allein mit einer anderen Frau schlafen?“ Ja, sagte sie. „Auch mit einem anderen Typen?“ Ja, sagte sie. „Und du?“ Torben nickte und spürte, dieser Moment würde sein Leben ändern.

Seit rund sechs Jahren lebt Torben mit dieser Freundin in einer polyamourösen Partnerschaft. Das Amourös ist ihm wichtig, es geht um Liebe, weniger um Sex. Er hat eine primäre und eine sekundäre Beziehung, so nennt er das. Ein Partner erfordert schon Organisation, das Leben mit zwei Partnern klingt fast bürokratisch. Vielleicht hilft das, die Eifersucht zu zügeln. Torben sagt, er kenne keinen, der so eifersüchtig sei wie er.

Torben sagt, er brauche eine Art Hierarchie: Die primäre Beziehung bezeichnet er als Sockel, von dem aus er zu Exkursionen aufbricht – manchmal auch nur zu Sex. Mit seiner Erstfreundin redet er über Kinder, er bespricht Wohnortwechsel und Jahresurlaube. „Die Zweitfreundin hat weniger Interventionsrechte“, sagt er, „trotzdem erlebe ich auch mit ihr heftigste Gefühle.“

Torben beschäftigt sich viel mit Polyamory, hat schon wissenschaftliche Arbeiten dazu geschrieben, dementsprechend ruhig und reflektiert spricht er. Er glaubt, dass viele Menschen so fühlen wie er, sich aber nur wenige trauen, das auszuleben. Was sollen denn die Leute sagen?

Dabei gab es die Vielliebelei schon immer, nur hieß sie immer anders: offene Beziehung, Harem, freie Liebe. Rainer Langhans liebte viele, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir erlaubten sich „Zufallslieben“, Tom Tykwer drehte einen Film, „Drei“ heißt er.

Bevor Torben den Zettel in Jena verteilte, schickte er ihn zum Gegenlesen an Freundin Eins und Zwei. Alles gut, fanden sie. Jena kennt sich, deswegen sollte ihn keiner sehen, zu viel Getratsche, er will sich auch nicht immer verteidigen müssen. Also schlich Torben sich Anfang des Jahres nachts aus der WG, in der Hand der Zettel:

„Hallo! Ich bin Torben, 27, studiere hier in Jena sozialwissenschaftliche Fächer und bin momentan ziemlich gestresst. Und da dachte ich mir so manchen Abend, wie schön es doch wäre, wenn ich mit einer angenehmen, weiblichen Person nach der Bibliothek noch einen Spaziergang machen könnte…

Ach verdammt. Jetzt mal ganz ehrlich. Mir fehlt körperliche Nähe und ja – in erster Linie Sex. Ich habe aber momentan überhaupt keine Lust und auch gar nicht die Zeit, abends noch durch irgendwelche blöden Clubs zu tingeln und wähle deshalb einen – zugegeben – absolut pragmatischen Weg (unter anderem weil ich nicht weiß, was daran falsch sein soll).

Klartext: Wenn Du weiblich bist, sagen würdest, dass du gern Sex hast und genauso wie ich der Meinung bist, dass es eigentlich auch mal ganz spannend sein kann, bei diesem Thema einfach mal sehr direkt zu sein und man sich für ein aktives Liebesleben nicht zu schämen braucht, würde ich dich gern kennenlernen. Bei einem Tee. Um zu sehen, ob man sich mindestens sympathisch ist. Und der Rest wird sich zeigen, gleichberechtigt und entspannt. Mit Respekt und Feingefühl. Und wenn dann einer von uns feststellt, dass wir das vielleicht doch besser lassen sollten: so what?!?!

Ich freue mich auf deine Mail an: wo-ist-das-problem@web.de und wünsche dir noch einen wunderbaren Tag.“

25 Zettel verklebte er in der Stadt, lang hingen sie nicht. Vielen gefällt nicht, was Torben sucht. Notgeil nennen sie Menschen wie ihn. Mindestens klein, dick und hässlich.

Als Soziologe betrachtet Torben den Zettel auch als großes Experiment. Er sagt, er würde gern einen Diskurs anstoßen: Warum dürfen Männer mit vielen Frauen Sex haben, Frauen aber nicht mit vielen Männern? Wie wollen wir überhaupt lieben?

Manch eine Frau empfahl ihm nach Lesen des Zettels eine Prostituierte, sagte, er sei beziehungsunfähig, stehe prototypisch für eine erkaltete Gesellschaft. Andere gratulierten ihm: Witzig, ehrlich, mutig, schrieben sie. Endlich mal einer, der ausspricht, was viele wollen. Spaß ohne Liebe, Hochzeit, Doppelhaushälfte und Kiesauffahrt.

Er habe Dank des Zettels viel Spaß gehabt, sagt Torben. Nicht nur einmal. Frauen seien eben nicht nur keusch, brav und treu. Mehr sagt er nicht. So hatte er es ja auch auf dem Zettel versprochen: „mit Respekt und Feingefühl“.

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„Nicht zuständig“

Telekom ITelekom-Zentrale // Dank an einen Zettelgold-Leser

Große Unternehmen wollen Großes leisten, den Umsatz steigern, Kunden gewinnen, neue Geschäftsfelder erobern. Dafür sitzen Manager mit Maßanzügen in Konferenzräumen mit Panoramablick, sprechen über ihre Visionen, entwickeln Strategien und vergessen ihre Mitarbeiter. Jene Kollegen, die schon vor Dienstantritt die Minuten bis zum Feierabend rückwärts zählen. Jene, die wollen, dass alles bleibt wie es ist, wenigstens bis zur Rente. Solche gibt es überall, auch bei der Telekom, wie ein Zettel zeigt.

Bei der Telekom arbeiten weltweit 229.000 Mitarbeiter, davon 67.000 in Deutschland. In der Zentrale musste jeder Kollege schon einmal in einem Büro im Erdgeschoss antreten: der Schlüsselverwaltung. Da müsse man irgendwie durch, sagen Mitarbeiter über diesen Termin. Früher einmal erhielten sie hier auch ihre Hausausweise, doch dafür sind jetzt andere zuständig.

Die Schlüsselverwalter sind, so erzählt man es sich im Haus, sehr korrekte Menschen. Gut möglich, dass sie an Wochenenden den Rasen ihres Schrebergartens frisieren, vielleicht auch ihren Dackel. Die Herren der Schlüssel mögen es offensichtlich nicht, wenn jemand Wünsche hat, die sie nicht erfüllen wollen, äh, können. Denn an der Tür hängt der Zettel: „Wir machen nur Schlüssel. Für alle anderen Belange sind wir leider nicht zuständig.“

Der neue Telekom-Chef sinniert derzeit über seine Visionen, er will das Unternehmen modernisieren, die IT-Sparte umbauen. Mehr Cloud Computing, weniger Telefonzelle. Bislang ist nichts darüber bekannt, dass er Schlüssel gegen Chipkarten tauschen möchte. Ist vermutlich besser so.

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Frau Stahn, 66, verweigert sich der Sommerzeit

Berlin, Dunckerstraße, Eric E.Berlin // Dunckerstraße // Dank an Eric Engelbracht

Sie kommt jetzt in das Alter, in dem sie nicht mehr alles mitmachen will. Das Herz, der Blutdruck, der Stress. Mit 66 Jahren, sagt Renate Stahn, sei sie erwachsen, selbständig. Sie trifft jetzt ihre eigenen Entscheidungen. Deswegen hat Frau Stahn auf einem Zettel verkündet: Sie werde die Zeitumstellung am Sonntag boykottieren.

Millionen Deutsche würden gern handeln wie sie. Wem gefällt schon dieses vor, zurück, früher dunkel, später dunkel, länger schlafen, kürzer schlafen? Energie spart das nicht, es zerrt an den Kräften. Millionen Deutsche können nicht handeln wie sie. Was würde der Chef sagen? Die Lehrer?

Frau Stahn kann es sich leisten, in ihrer eigenen Zeit zu leben: Sie ist ihre eigene Chefin. Ihr gehört eine Zoohandlung in der Berliner Dunckerstraße, und sie ist in ihrem Kiez Prenzlauer Berg ein kleiner Star. Eine Urberlinerin eben, von der in dem Viertel heute nicht mehr viele leben.

Ihr Zettel hat sie berlinweit bekannt gemacht: Der „Berliner Kurier“ feierte Frau Stahn als „Sommerzeit-Rebellin“, die „Berliner Zeitung“ als „Verweigerin“. Der „Tagesspiegel“ schrieb: Frau Stahn denke, was sie fühle und sage, was sie denke: „Freie Schnauze, ein halbes Jahrhundert Kiez, na immer raus damit.“

Frau Stahn sagt, eine Stunde Zeitverlust sei eine ganze Menge, für alte Menschen, für Kinder, für Tiere. Früher einmal verkaufte sie in ihrer Zoohandlung Papageien, Hamster, Ratten, Kaninchen. Das lohne sich heute nicht mehr, sagt sie. Die Kunden kauften lieber im Internet oder in Polen oder beim Züchter. Derzeit warten noch ein Wellensittich und 20 Kanarienvögel in ihrem Laden auf ein neues Zuhause.

Schon länger habe sie gemerkt, dass ihre Vögel unter der Zeitumstellung leiden, sagt Frau Stahn. Sie dösten auf der Stange, Kopf unterm Flügel. Die brauchen einen Tierarzt, hätten die Kunden gesagt. Die brauchen Schlaf, wusste Frau Stahn.

Im vergangenen Jahr dann traute sie sich endlich und hängte diesen Zettel an die Tür: „Wieder wird die Zeit umgestellt – entgegen aller Logik und besseren Wissens. Ich halte diese Zeitumstellung für völlig falsch! Deshalb teile ich mit: Ich boykottiere diese Zeitumstellung und mache sie nicht mit. Meine Zeit bleibt die ganz normale mitteleuropäische Zeit! Bitte beachten Sie das bei meinen Öffnungszeiten. Vielen Dank!“

Der Zettel hängt immer noch, inzwischen in Übergröße ausgedruckt und eingerahmt. Den Kunden gefalle ihr Protest, sagt Frau Stahn. Keine Beschwerden, nur Respekt, Verständnis und, ja, wahrscheinlich auch ein bisschen Neid.

 

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Lisa, 22, bietet Sex gegen Wohnung

Hamburg, Osterstraße, Arlette

Hamburg // Osterstraße // Dank für das Foto an Arlette A.

Sie wollte sich rächen an dieser Stadt, die ihr das Ankommen so schwer macht. Deswegen klebte Lisa (Name geändert), 22, diesen Zettel an die Wände des gut saturierten Hamburgs: „Mit wem muss man hier eigentlich schlafen, um eine Wohnung zu bekommen?“ Die Stadt schotte sich ab gegen Geringverdiener, sagt Lisa, besonders gegen zugezogene Geringverdiener.

Lisa sagt, die WG-Suche gleiche russischem Roulette. So gesehen habe sie sich mehrmals angeschossen.

Ihr erster Hamburger Mitbewohner fing irgendwann an, Obdachlose, Punks und deren Hunde in die Wohnung einzuladen. Ihre zweite Mitbewohnerin hatte einen eifersüchtigen Freund, er war oft betrunken. Derzeit lebt sie bei Kiffern. Die würden sie wenigstens nicht bedrohen, sagt Lisa. Wobei sie schon ein Paar von Lisas Schuhen verkauft haben. Einfach so. Aber, sagt Lisa, sie wolle mal nicht so sein.

Und jetzt? Ein Wohnungsangebot hat sie durch den Zettel nicht bekommen. Nur ein Mann meldete sich, der sich über ihre Frage amüsiert hat. Lisa will Hamburg jetzt verlassen. Und ihre Zeit hier am liebsten vergessen.

Entdeckt hat den Zettel eine Leserin der „Eimsbütteler Nachrichten“, dort ist das Foto auch als erstes erschienen.

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Knochen zertrümmern verboten

Hamburg, Bugenhagenstraße

Hamburg // Bugenhagenstraße // Inspiriert von Boschblog

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Hamburger Zettelwirtschaft

BehördenposseScreenshot  mopo.de

Sie wünschten sich für ihren Sohn Johann, 4, ein neues Zuhause und taten das, was viele tun: Sie hängten einen Zettel an einen Laternenpfahl. „Wir suchen eine größere Wohnung“, stand darauf. Deswegen sollen die Studenten Philip, 32, und Jenny, 31, jetzt zahlen, berichtet die „Hamburger Morgenpost“. Die Zentralstelle für Wildplakatierung schickte demnach einen Gebührenbescheid über 100,30 Euro.

Genau, die Zentralstelle für Wildplakatierung. Laut Webseite der Stadt Hamburg zuständig für: „Bekämpfung der Wildplakatierungen im gesamten Gebiet der Freien und Hansestadt Hamburg, Verfolgung und Ahndung von Verstößen gegen die einschlägigen Verbote nach dem Hamburgischen Wegegesetz und der Hamburgischen Bauordnung.“

Von 2008 bis 2012 haben die dortigen Beamten 792 Fälle bearbeitet, 147 Mal verhängten sie ein Bußgeld. Seit 2006 hat die Stadt so 140.238 Euro eingenommen, das geht aus einer Anfrage der Fraktion Die Linke hervor. 

Wenn die Stadt künftig noch mehr Wohnungssuchende wie Philip, Jenny und Johann bestraft, verdient sie sich ein nettes Taschengeld. Und die Beamten der Zentralstelle für Wildplakatierung dürften sich so schnell nicht langweilen.

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Master of Größenwahn

Hamburg_Uni HamburgHamburg // Uni Hamburg

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