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Ein Mann gibt auf

Berlin-KreuzbergBerlin-Kreuzberg

Eigentlich möchte Matthias Berger* gar nicht darüber reden. Er möchte nicht noch mehr Wut auf sich ziehen, möchte nicht zeigen, wie sehr ihn die beiden Anschläge verletzt haben, wie wütend er auch heute noch ist, ein Jahr nach dem ersten Übergriff. „Die freuen sich doch wie Helden, wenn sie sehen, dass sie jemandem weh getan haben“, sagt Berger.

„Die“, das sind 10 bis 15 „unbekannte Randalierer“, wie es die Berliner Polizei im Mai formulierte. Sie warfen in der Nacht Farbbeutel an einen Neubau in Berlin-Kreuzberg, und das Rot fraß sich in die Fassade. Sie rissen Poller aus dem Bürgersteig und schmissen sie in die Schaufenster. Danach zündeten sie eine Dixie-Toilette vor dem Haus an und flüchteten.

Berger gründete vor 20 Jahren eine Bauträgergesellschaft, er vermittelt heute zwischen Kunden, Architekten, Bauarbeitern. Bislang, sagt er, habe er nur in Ostdeutschland gebaut. Das Haus in Kreuzberg sei seine erste Bekanntschaft mit Westdeutschland gewesen – und die erste mit Gentrifizierungsgegnern. Er selbst ist in Pankow geboren, ehemals DDR, er berlinert stark, sagt „jetzte“ und „weeßte“.

Ein paar Stunden nach dem Anschlag, um 5.50 Uhr, landeten die ersten Fotos vom zerstörten Neubau in Bergers Posteingang. Ein Kollege, der mit ihm auf der Baustelle arbeitet, hat sie gemacht. Es war der zweite Angriff auf das Haus binnen weniger Monate. „Uns allen war schlecht“, sagt Berger. Ohnmächtig habe er sich zunächst gefühlt und dann verletzt, wütend, fassungslos, demotiviert. Das Haus, an dem neun Männer monatelang bauten, heftig beschädigt. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

„Mieter*innen stressen zurück“

Berger sieht sich auf der Seite der Guten: Er verdränge niemanden aus seinem alten Zuhause, betont er. Er baue neue Wohnungen, schaffe zusätzlichen Wohnraum. „Wir haben keine Dollarzeichen in den Augen“, sagt er. Und trotzdem: Mit seinem Neubau inklusive Echtholz-Einzelstabparkett lockt er natürlich ein bestimmtes Klientel an. Und das wird in Berlin nicht überall gern gesehen.

So haben Aktivisten vor einigen Monaten im Internet eine „Berliner Liste“ veröffentlicht, „Mieter*innen stressen zurück“ lautet das Motto. „Wer sich als Teil der antisozialen Stadtumstrukturierung hervortut, kommt auf die Liste“, heißt es auf der Webseite. Hier stehen die Adressen von Neubauten, Investoren, Wohnungsbaugesellschaften.

In dem Kreuzberger Haus sind die Wohnungen inzwischen vergeben, die ersten Geschäftsleute bereiten sich auf ihre Kunden vor. Bei einem Friseur, der sich mit dem Namen „Vorhair Nachhair“ in die lange Reihe verunglückter Haarschneider-Wortspiele einreiht, hängt ein Zettel im Fenster: „Bitte die Scheiben nicht bekleben Bitte die Scheiben nicht einschlagen / Hier eröffnet demnächst ein Laden für Sie / DANKE“. Durch die beiden Anschläge verzögert sich alles.

Der Mann und seine Mitarbeiter werden die Arbeiten in Kreuzberg beenden und sich dann aus dem Westteil der Stadt zurückziehen. „Wir machen jetzt nur noch den Osten schöner“, sagt er. Denn dort, das glaubt er gelernt zu haben, passiert so etwas nicht. Seine Kinder haben nicht so viel Verständnis. Sie sagen: „Papa, die Mauer ist schon vor einer Weile gefallen.“

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