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Frau Stahn, 66, verweigert sich der Sommerzeit

Berlin, Dunckerstraße, Eric E.Berlin // Dunckerstraße // Dank an Eric Engelbracht

Sie kommt jetzt in das Alter, in dem sie nicht mehr alles mitmachen will. Das Herz, der Blutdruck, der Stress. Mit 66 Jahren, sagt Renate Stahn, sei sie erwachsen, selbständig. Sie trifft jetzt ihre eigenen Entscheidungen. Deswegen hat Frau Stahn auf einem Zettel verkündet: Sie werde die Zeitumstellung am Sonntag boykottieren.

Millionen Deutsche würden gern handeln wie sie. Wem gefällt schon dieses vor, zurück, früher dunkel, später dunkel, länger schlafen, kürzer schlafen? Energie spart das nicht, es zerrt an den Kräften. Millionen Deutsche können nicht handeln wie sie. Was würde der Chef sagen? Die Lehrer?

Frau Stahn kann es sich leisten, in ihrer eigenen Zeit zu leben: Sie ist ihre eigene Chefin. Ihr gehört eine Zoohandlung in der Berliner Dunckerstraße, und sie ist in ihrem Kiez Prenzlauer Berg ein kleiner Star. Eine Urberlinerin eben, von der in dem Viertel heute nicht mehr viele leben.

Ihr Zettel hat sie berlinweit bekannt gemacht: Der „Berliner Kurier“ feierte Frau Stahn als „Sommerzeit-Rebellin“, die „Berliner Zeitung“ als „Verweigerin“. Der „Tagesspiegel“ schrieb: Frau Stahn denke, was sie fühle und sage, was sie denke: „Freie Schnauze, ein halbes Jahrhundert Kiez, na immer raus damit.“

Frau Stahn sagt, eine Stunde Zeitverlust sei eine ganze Menge, für alte Menschen, für Kinder, für Tiere. Früher einmal verkaufte sie in ihrer Zoohandlung Papageien, Hamster, Ratten, Kaninchen. Das lohne sich heute nicht mehr, sagt sie. Die Kunden kauften lieber im Internet oder in Polen oder beim Züchter. Derzeit warten noch ein Wellensittich und 20 Kanarienvögel in ihrem Laden auf ein neues Zuhause.

Schon länger habe sie gemerkt, dass ihre Vögel unter der Zeitumstellung leiden, sagt Frau Stahn. Sie dösten auf der Stange, Kopf unterm Flügel. Die brauchen einen Tierarzt, hätten die Kunden gesagt. Die brauchen Schlaf, wusste Frau Stahn.

Im vergangenen Jahr dann traute sie sich endlich und hängte diesen Zettel an die Tür: „Wieder wird die Zeit umgestellt – entgegen aller Logik und besseren Wissens. Ich halte diese Zeitumstellung für völlig falsch! Deshalb teile ich mit: Ich boykottiere diese Zeitumstellung und mache sie nicht mit. Meine Zeit bleibt die ganz normale mitteleuropäische Zeit! Bitte beachten Sie das bei meinen Öffnungszeiten. Vielen Dank!“

Der Zettel hängt immer noch, inzwischen in Übergröße ausgedruckt und eingerahmt. Den Kunden gefalle ihr Protest, sagt Frau Stahn. Keine Beschwerden, nur Respekt, Verständnis und, ja, wahrscheinlich auch ein bisschen Neid.

 

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